Dresden Altstadt mit Elbe bei Nacht
Epilog – kleine Geschichten

Zufall oder Schicksal?

Er mochte es, am späten Abend joggen zu gehen. Die meisten Touristen hatten sich dann zurückgezogen, der Verkehr ließ nach und der Lärm des Tages ging über in das beruhigende nächtliche Grundrauschen einer Großstadt.

Diejenigen allerdings, die sich jetzt noch auf den Straßen Dresdens tummelten, waren mit Vorsicht zu genießen. Entweder waren sie angetrunken, auf dem Weg, es zu werden, oder sie liefen daher, ohne auf ihre Umgebung zu achten, nur, um die historischen Bauwerke bei Nacht zu bewundern und zu fotografieren. Er musste achtgeben, beim Ausweichen auf den unebenen Pflastersteinen nicht zu stolpern.

Zugegeben, auch auf ihn übten die Barockbauten zu dieser Tageszeit eine besondere Faszination aus, weil die Beleuchtung sie in ein romantisch-mystisches Licht tauchte. Die Mischung aus dunklem und hellem Sandstein tat dabei ihr Übriges. Auch nach zehn Jahren hatte er sich noch nicht an ihrem nächtlichen Anblick sattgesehen. Daher bog er, nach mehreren Kilometern an der Elbe, vor der Brühlschen Terrasse Richtung Altstadt ab. Bei einem der Gebäude zu seiner Linken beschleunigte sich sein Schritt automatisch. In der darin ansässigen PR-Agentur hatte er gearbeitet, als er hergekommen war. Es war der blanke Horror gewesen. Dagegen war sein jetziger Job Urlaub, obwohl er auch heute wieder Überstunden geschoben hatte. Ein Dauerzustand, seit ihn seine Freundin verlassen hatte.

Er bog um die Ecke, überquerte die Straße und machte einen großen Schritt auf den Bürgersteig. Dabei musste er einem Fahrradfahrer ausweichen, sodass er sie nicht gleich bemerkte. Sie kam ihm entgegen, einen Rucksack über der Schulter, in der Hand eine Kamera. Ihr Blick wanderte aufmerksam umher, suchte anscheinend nach dem nächsten Motiv. Sie zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Seine Schritte verlangsamten sich. Die Straßenlaterne über ihr offenbarte rotes, halblanges Haar mit einem vom Wind verwehten Pony. Unter der weiten Jacke mochte sich eine sportliche Figur verbergen. An den Füßen trug sie zumindest Turnschuhe. Vielleicht waren sie bequem, während sie mit ihrer Kamera unterwegs war. Oder ging sie damit joggen wie er?

Sie musterte ihn in einer Millisekunde von oben bis unten, dann sah sie ihn an – und er versank in ihren großen, dunklen Augen. Er fühlte sich seltsam schwach auf seinen Beinen, schwebend, direkt auf sie zu, angezogen von einer unsichtbaren Kraft, verborgen in den Tiefen dieser Augen. Es war, als würde sie bis in sein Innerstes blicken.

Und dann war dem Moment vorbei. Er drehte den Kopf und sah, wie sie sich ebenfalls umwandte. Erst als einige vorübergehende Passanten ihre Blicke unterbrachen, kehrte er in das Hier und Jetzt zurück. Er wechselte aufgrund einer ihm entgegenkommenden Gruppe Männer die Straßenseite und bog Richtung Frauenkirche ab.

Ihm wurde bewusst, wie er Letzteres hoffte, und blieb stehen. Er stützte sich außer Atem auf seinen Knien ab und schüttelte den Kopf. Entwickelte er etwa gerade Gefühle für eine Frau, die ihn zufällig auf der Straße angesehen hatte? „Erbärmlich“, würde Emi es nennen.

Vor dem Kuppelbau stand wie fast jeden Abend ein Straßenmusiker, der die beeindruckende Akustik des Platzes entdeckt hatte, und gab ein Cover von John Lennon zum Besten. Hatte sie ihn auch singen gehört? War sie stehen geblieben und hatte ihm ein paar Cent in den Gitarrenkoffer geworfen? Hatte sie ihn fotografiert? Er überlegte, ob sie eine Touristin war oder in der Stadt lebte. Ihre Kamera hatte einen äußerst professionellen Eindruck gemacht. Möglicherweise war sie beruflich unterwegs. Möglicherweise für eine Galerie in der Stadt. Für die Zeitung. Für ein Magazin. Wenn sie hier lebte, war sie vielleicht noch an anderen Abenden auf Motivsuche.

Reiß dich zusammen, Philipp, ermahnte er sich, richtete sich auf und verfiel wieder in seinen Laufschritt. Er schlug den Weg zur Elbe ein, erhöhte sein Tempo und kehrte schließlich völlig ausgepowert in seine Wohnung zurück. Das heiße Wasser der Dusche hatte den Spiegel beschlagen. Er wischte mit der Hand darüber. Doch er sah nicht sich selbst, sondern ihre Augen, die Augen einer Fremden. Hellwach, dunkel und geheimnisvoll …

Mehr? Die ganze Geschichte in Bilder-Geschichten

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