So wunderbar und doch so falsch

Hamburg Außenalster, Foto: Karsten Bergmann, Pixabay
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„Ob sie mit ihm nach Hause geht?“

„Keine Ahnung. Irgendwie hoffe ich, dass sie es nicht tut. Ich fände es zwar nicht schlecht, wenn Simon das sehen würde, um ihn endlich zur Vernunft zu bringen. Aber ich habe Angst, dass das Interesse an meinem Bruder nicht ihm selbst geschuldet ist und sich das Spiel, das sie mit Simon spielt, wiederholt.“ Steffi nahm einen großen Schluck aus ihrem Weinglas.

Elly nickte. Sie mochte Alexander, der ebenso liebenswert wie seine kleine Schwester und doch ganz anders in seinem Wesen war. Im Gegensatz zu Steffi war er eher zurückhaltend und besonnen, plante jeden seiner Schritte und handelte nur selten impulsive. Daher hoffte Elly, dass er auch heute Abend in gewohnter Weise vorgehen würde.

Ihr Blick wanderte durch den Raum und suchte nach Simon. Wo war er? Sie ging nach draußen und fand ihn, die Ellenbogen auf das Geländer gestützt, einige Schwäne auf dem Wasser beobachtend.

„Ganz allein hier draußen?“

Simon schaute erschrocken auf.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“ Sie lehnte sich neben ihn an das Geländer.

„Mir war es drinnen ein wenig zu laut.“

Elly glaubte ihm nicht, sagte jedoch nichts und fragte stattdessen nach seiner Verlobten, die mit Grippe im Bett lag. „Wie geht es Gina?“

„Das hast du mich heute schon einmal gefragt“, antwortete Simon scharf und warf ihr einen genervten Blick zu, bevor er wieder auf das Wasser starrte.

Elly verschlug es kurzzeitig den Atem. „Ja, das kann sein. Ich bin ein bisschen angetrunken, weil ich heute Geburtstag habe“, blaffte sie zurück. „Dann habe ich das wohl vergessen. Ich wollte mich nur mit dir unterhalten. Gib mir nicht die Schuld dafür, dass Anja sich heute ausschließlich einem anderen Mann widmet.“

Simon wollte etwas erwidern, doch sie schnitt ihm das Wort ab. Eine lang unterdrückte Wut stieg in ihr hoch. „Ich habe deine Heuchelei satt. Ich kann Gina nicht mehr in die Augen sehen, ohne daran zu denken, wie du ihr sagst, dass du sie liebst, während du in Gedanken Anja anhimmelst.“

Elly stieß sich von Geländer ab und wollte weggehen, als Simon sie am Arm fasste und festhielt.

„Du hast recht. Verzeih mir.“ Seine Stimme war sanft und leise. Und dann schaute er sie an wie im Zug auf der Heimreise von Paris. Zu lange und zu intensiv.

Elly riss sich los und stürmte ins Clubhaus zurück.

„Alles okay?“, fragte Steffi sie erstaunt. „Du bist ja völlig außer Atem. Wo warst du?“

„Ihm meine Meinung sagen.“

„Wem?“

„Simon.“

Steffi zog die Augenbrauen hoch. „Ehrlich? Gut gemacht. Noch einen Cocktail?“

„Ja.“

Alexander und Anja verließen die Party als letzte. Gemeinsam. Simon, Elly und Steffi saßen auf dem Sofa auf der anderen Seite des Raums und beobachteten, wie Alexander seiner abendfüllenden Gesprächspartnerin in den Mantel half, sie ihre blonden Haare nach hinten warf und ihn mit ihren blauen Augen anstrahlte. Seine Hände ruhten auf ihren Schultern, während er sie galant nach draußen führte.

Steffi legte den Kopf nach hinten und stöhnte. „Ich habe es geahnt.“

„Dein Bruder ist clever. Vielleicht begleitet er sie nur nach Hause“, versucht Elly ihre Freundin Hoffnung zu spenden, wobei sie sich selbst nicht wirklich überzeugend fand.

„Er ist vielleicht clever, aber eben auch nur ein Mann.“ Steffi schaute an Elly vorbei zu Simon.

Dieser quittierte Steffis Kommentar mit einem undefinierbaren Brummen.

Elly gähnte. „Lasst uns noch ein bisschen Ordnung schaffen.“

Von Unlust getrieben, stellten sie die Reste des Essens in den Kühlschrank, stopften die Pappteller in einen Müllsack und sortierten so viele Gläser in die Spülmaschine wie möglich. Die zweite Runde musste bis morgen warten. Anschließend knipste Elly die Lichterketten aus und schloss ab.

„In welcher Reihenfolge darf ich die Damen nach Hause begleiten?“, fragte Simon.

„Ich werde in ein paar Minuten abgeholt. Bring Elly gut nach Hause“, grinst Steffi.

„Von wem wirst du abgeholt?“

„Kannst du dich an den gutaussehenden jungen Mann erinnern, der vorgestern an unserem Tisch in der Mensa saß?“

„Ich kann mich erinnern. Ich wusste bisher nur nicht, dass du seine Telefonnummer hast beziehungsweise ihr euch bereits so nahesteht, dass er dich mitten in der Nacht abholt.“

„Wir waren gestern Abend aus.“

„Sehr schön, dann gehen wir jetzt. Gute Nacht, komm Deern“, drängelte Simon gereizt.

Elly zuckte entschuldigend mit den Schultern und gehorchte, während ihr Steffi zuwinkte und rief: „Na dann, viel Spaß auf dem Heimweg!“

Ungeplante Unterbrechungen

Elly schlenderte neben Simon an der Alster entlang, während sie ihn ab und zu aus dem Augenwinkel beobachtete. Er schien mit seinen Gedanken weit weg. Auf seiner Stirn zeichneten sich kleine Falten ab. Dachte er über ihre Worte nach?

„Es tut mir leid, dass ich vorhin so ungehalten war.“

Simon schaute erstaunt zu ihr. „Wie bitte?“

„Ich sagte, es tut mir leid wegen vorhin“, wiederholte Elly ihre Worte etwas lauter. Wo war er heute nur mit seinen Gedanken?

„Es gibt nichts zu entschuldigen“, erwiderte er knapp.

„Darf ich dich etwas fragen?“

Simon blickte sie wenig angetan von ihrer Frage an, sodass sie die Antwort kannte, bevor er sie aussprach. „Nein.“

Sie überquerten den auch nachts um drei noch belebten Jungfernstieg.

„Gut. Dann werde ich nicht fragen, was ich fragen wollte. Aber ich hätte gerne eine Antwort auf eine andere Sache. Warum bist du so gereizt? Ich mache mir Sorgen und will einfach nur mit dir reden.“

„Ach, Deern“, wollte Simon sie unterbrechen.

„Nein, nicht ‚Ach, Deern‘! Ich hatte einen wirklich schönen Geburtstag. Jetzt fühle ich mich schlecht.“

Sie steckte genervt ihr Hände tiefer in die Jackentaschen. Simon sagte nichts und ging wortlos neben ihr her. Da sie den Abend nicht im Streit beenden wollte, wechselte sie in der Hoffnung, er würde darauf ansprechen, das Thema.

„Kommst du zu Steffis Faschingsparty Anfang November?“

„Wahrscheinlich nicht. Ich fahre zu einer Tagung nach Basel und weiß noch nicht, ob ich an dem Samstag oder erst Sonntag zurückkommen werde. Du weißt, dass ich mich für das Frühjahrssemester um eine Dozentenstelle beworben habe.“

Sie bogen in die Colonnaden ein und Elly versuchte, sich auf den Inhalt der Schaufenster der Geschäfte zu konzentrieren, während sie ein bisschen traurig wurde, wenn sie daran dachte, dass Simon Hamburg verlassen würde.

Plötzlich blieb Simon zwischen zwei Rundbögen stehen, griff nach ihrer Hand und zog sie zu sich. Elly schaute ihn unsicher an. Wieso tat er das?

Er nahm seine Brille ab. „Der Abend war sehr schön, genauso schön wie du.“ Dann beugte er sich zu ihr herab und küsste sie.

Elly war so perplex, dass sie es zunächst regungslos geschehen ließ. Doch bereits einen Moment später schloss sie ihre Augen und öffnete ihre Lippen. Simons Hand löste sich von ihrer, um sie in ihren Nacken zu legen. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals. Die Schmetterlinge, die durch ihren Bauch flogen, hatte sie noch nie zuvor gespürt. Sie konnte nicht mehr sagen, ob es der Alkohol oder das Kribbeln in ihrem Inneren war, was ihr das seltsame Gefühl gab, den Boden unter den Füßen zu verlieren und zu schweben. Vielleicht war es beides. Simons warme, weichen Lippen fühlten sich unsagbar gut an, sodass sie mehr davon wollte. Er sollte nie mehr aufhören, sie zu küssen. Sie fuhr ihm durch seine Haare und drängte sich an ihn. Seine Arme umschlossen sie fester.

Doch plötzlich tauchte eine Gruppe betrunken Jugendlicher neben Elly und Simon auf, deren grölender Gesang sie auseinanderfahren ließ.

Elly sah den nächtlichen Ruhestörern abwesend hinterher. Sie brauchte einen Moment, um wieder in der Realität anzukommen und, um zu begreifen, was gerade geschehen war. Dann sah sie Simon an.

Dieser hatte seine Brille wieder aufgesetzt und murmelte: „Entschuldige.“

Elly hätte ihm gerne gesagt, dass er sich für einen solchen Kuss alles andere als entschuldigen sollte. Aber sie wusste, dass sie das nicht hätten tun dürfen.

„Ich bringe dich nach Hause.“  

In den nächsten zwanzig Minuten sprachen sie nicht ein einziges Wort miteinander. Vor Ellys Haustür wechselten sie schließlich Höflichkeitsfloskeln, wie „Danke“ und „Gute Nacht“. Dann machte sich Simon auf den Heimweg.

Elly lag noch lange wach und ließ den Abend Revue passieren. Sein Ende wiederholte sich in Endlosschleife. Es war so wunderbar und gleichzeitig so falsch gewesen. Aber warum war es überhaupt geschehen? Oder wollte sie das gar nicht wissen?