Ein unerwarteter Kontaktvorschlag

Eine App, ein Algorithmus für Kontaktvorschläge, ein belangloses Scrollen – bis zu dir. Ich lese deinen Namen, ich betrachte dein Bild, ich kann es nicht glauben. Ein Klick, dein Profil … ja, dein Studienfach, dieselbe Zeit, dieselbe Uni. Und wieder dein Bild. Es sind deine Augen. Leuchtend, neugierig. Noch immer mit dem schelmenhaften Blitzen darin. Und doch … und doch so erwachsen.

Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du zwanzig Jahre jung, fast noch jungenhaft. Unschuldig, unerfahren – verliebt. Wie ich. Mit einer Ausnahme: Bei mir kamen noch die Eigenschaften „naiv“ und „dumm“ hinzu. Eigenschaften, die mir heute umso bewusster werden, desto länger ich dich ansehe.

Kurze Haare, markante Gesichtszüge, ein umwerfendes Lächeln auf den Lippen. Fast ein wenig verwegen. Unter deinem Bild ein Lebenslauf, so beeindruckend, wie ich ihn erwartet hätte. Titel, Auszeichnungen, Forschungsprojekte weltweit. Und trotzdem … Ein Mann, mit dem ich nicht gerechnet habe.

Ich zögere. Einen Moment. Mehr nicht. Dann tippt mein Finger auf den Button. Kontaktanfrage gestellt. Ein neues Fenster. Will ich dir eine Nachricht mitschicken? Ja, klar. – Mir fehlen die Worte. Was sagt man nach so langer Zeit? Ich mache auf geheimnisvoll:

Wen man hier so alles unter den Kontaktvorschlägen findet …

Es ist blöd. Kindisch. Aber ich habe schon auf „Senden“ getippt.

Ich warte. Ich warte und frage Google nach weiteren Bildern von dir. Und da ist es. Ein Schwarzweißfoto, das mich umhaut. Naiv und dumm, ja, anders kann ich es nicht bezeichnen. Es war naiv und dumm, dich zu verlassen. Denn vergessen habe ich dich nie.

Ich warte weiter. Wirst du meine Anfrage überhaupt lesen? Gehörst du zu jenen, die ihr Profil im Auge haben, oder zu denen, die nur jedes halbe Jahr mal reinschauen? Mein Herz bekommt Angst, dass es Version Zwei sein könnte.

Ich erledige dies, ich erledige das, ich chatte ein wenig mit einer Freundin. Und währenddessen sehe ich das App-Symbol am oberen Displayrand aufleuchten. Ich werde nervös. Bist du es? Ja, du bist es. Wieder sehe ich dein Bild. Du hast meine Anfrage bestätigt. Du hast dir mein Profil angesehen. Aber du hast mir nicht geantwortet. Keine Nachricht. Vielleicht brauchst du noch eine Weile, um dir die Worte zu überlegen?

Meine Hand greift in den nächsten Tagen immer wieder zu meinem Smartphone, mein Blick huscht immer wieder in Richtung Display. Doch eine Nachricht geht nicht ein.

Ich denke darüber nach, dir noch einmal zu schreiben. Doch schon der erste Gedanke daran erscheint mir aufdringlich. Ich habe dich verletzt. Egal, ob es zwanzig Jahre her ist. Welches Recht besitze ich daher, deine Nähe zu suchen? Ich sollte froh sein, dass du dich überhaupt mit mir vernetzen möchtest. Dass ich überhaupt wieder eine Möglichkeit bekommen haben, Kontakt zu dir aufzunehmen. Deine Nummer habe ich nämlich schon vor langer Zeit gelöscht.

Aber es fällt mir schwer, dir nicht zu schreiben. Dein Bild lässt mich nicht mehr los. Deine Augen verfolgen mich bis in meine Träume. Ich erinnere mich an den Klang deiner Stimme, dein einzigartiges Lachen – die Sammlung konservierter Käfer auf deinem Schreibtisch. Ich schmunzle vor mich hin. Ich habe mich darüber lustig gemacht, gestört hat es mich nie. Ich habe dich bewundert.

Und dann wieder so ein Tag – mitten in einem Meeting blinkt mein Smartphone kurz auf. Verstohlen stupse ich es noch einmal an. Das App-Symbol am oberen Rand. Eine Mitteilung. Eine der häufigen News-Meldungen? Eine neue Stellenanzeige? Oder eine persönliche Nachricht? Ich muss warten. Ich muss meine Gedanken im Meeting halten. Ich muss mich konzentrieren.

Als ich endlich mein Headset weglegen kann, den Bildschirm entsperre, erkenne ich, dass es nur eine simple Mitteilung darüber ist, wer heute von meinen Kontakten Geburtstag hat. Meine Euphorie schwindet. Ich schiebe das Smartphone von mir und fluche in die Stille meines Büros hinein. In was habe ich mich da verrannt? Ein Mann wie der, den ich da auf dem Bild gesehen habe, ist doch bestimmt schon lange glücklich verheiratet! Auf was hoffe ich hier! Aufgrund eines Fotos! Herrje, wie tief bin ich in die Einsamkeit gesunken!

Irgendwann am Abend des gleichen Tages leuchtet das Symbol wieder im Display auf. Unwillig entsperre ich den Bildschirm. Dein Gesicht springt mir entgegen. Eine Nachricht. Und schon ist es wieder da: dieses Herzklopfen.

Ich öffne die App. Du schreibst, mein Bild hätte dich nicht losgelassen – schön, zu lesen –, aber du hättest eine Weile gebraucht, um dich zu erinnern. Wie bitte? Ich hätte mich verändert. Äh, wie muss ich das jetzt verstehen? Und außerdem habe ich ja einen anderen Namen. Kruzifix! Daran habe ich ja gar nicht gedacht! Es sei schön, von mir zu hören. Hm. Wie es mir geht, willst du noch wissen.

Plötzlich ist mir zum Heulen zumute. Schön, von dir zu hören. Na ja, klar, was sollst du mir auch schreiben? Jubelgeschrei?

Ich setze alles auf eine Karte und schreibe dir, dass du dich auch verändert hast. Und dass ich das äußerst positiv meine.

Danke,

textest du zurück, mit einem errötenden Smiley. Er bringt mich zum Lächeln.

Du auch.

Ich weiß nicht, ob es eine wehmütige oder glückliche Träne ist, die mir über die Wange kullert.

Dein Schweigen verrät mir, so hoffe ich zumindest, dass du auf etwas wartest. Ich kenne dich nicht mehr, hoffe aber, dass es das ist:

Ich war bis vor wenigen Jahren verheiratet. Daher der neue Name.

Du gehst nicht darauf ein.

Ich bin nächste Woche in Hamburg. Magst du mit mir einen Kaffee trinken gehen?

Ich glaube, es war eine wehmütige Träne. Denn es kommen nun noch einige hinzu. Ein Glas Wein trinkt man mit einem Date, eine Tasse Kaffee mit irgendjemandem. In diesem Fall mit einer Frau, die mit einem Schluss gemacht hat.

Aber du willst mich sehen. Mehr kann ich nicht verlangen. Doch will ich dich unter diesen Umständen sehen? Will ich diesen Mann von dem Bild sehen? Will ich einen Mann sehen, dem ich wehgetan habe, und der jetzt mir wehtun wird?

Ja, gerne,

schreibe ich, schon immer masochistisch veranlagt.

Schließlich stehe ich am Hafen und suche die Menschenmenge nach dir ab. Ich bin zu früh. Ich trete nervös von einem Fuß auf den anderen. Ich zupfte an meinem Shirt herum. Ich streiche mir tausendmal die Haare aus dem Gesicht. Stunden habe ich vor dem Kleiderschrank zugebracht. Stunden im Bad. Es ist nur ein Kaffee, sagte eine innere Stimme unablässig zu mir. Ich ignorierte sie.

Werde ich dich überhaupt erkennen? Ich kenne schließlich nur dein Bild. Ein Bild, gemacht von einem Photographen. Aber nicht jenes in Schwarzweiß. Das war kein gestelltes Bild. Und trotzdem war es schöner als das andere.

Mein Blick schweift noch einmal nach rechts, Richtung Elbphilharmonie, zurück nach links – mein Herz setzt einige Schläge aus. Du kommst direkt auf mich zu. Du siehst noch wesentlich atemberaubender aus als auf jedem Bild. Und du lächelst mir schon von weitem zu.

Ich stecke meine Hände in die Hosentaschen, um mein Zittern zu verbergen. Ich weiß nicht, ob du noch so bist wie früher. Ob du dich innerlich so stark verändert hast wie äußerlich. Ich hoffe es nicht, denn plötzlich merke ich, dass ich dich nie vergessen konnte, weil du mir gefehlt hast.

Es ist ein verlegenes „Hi“, welches uns beiden entfährt. Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen. Gleichwohl verliebe ich mich wie einst sofort in dich.

Du holst uns in einem der Hafencafés zwei Becher Kaffee und wir schlendern nebeneinander am Wasser entlang. Aus einem „Wie geht’s dir?“ und „Ich habe in deinem Profil gesehen …“ wird ein Plaudern. Wir reden, wir lachen, manchmal schweigen wir und sehen uns gegenseitig aus dem Augenwinkel an. Mit jedem Wort von dir, jedem Schritt, jeder Bewegung wird mir klar, dass mich dein Bild nicht getäuscht hat. Aus dem unerfahrenen jungen Studenten, dessen unbeschwerte Lebenslust mich von Anfang fasziniert hatte, ist ein erwachsener, begehrenswerter Mann geworden. Immer noch mit einem angenehmen Sinn für Humor, dem ansteckenden Lachen und – das war neu – einem anziehenden Charme. Was mir jedoch am besten gefällt, es gibt keine Frau, die tagtäglich in den Genuss dieser Anziehungskraft kommt.

Als es dunkel wird, sind wir zurück am Hafen. Wir stehen uns gegenüber, sehen uns an. Ich sehe, dass ein wenig von deiner einstigen Schüchternheit dem weiblichen Geschlecht gegenüber geblieben ist. Doch sie vergeht. Du hakst deine Finger in meine Gürtelschlaufen und ziehst mich zu dir heran. Ich rieche dein Aftershave, spüre deinen Atem, fühle die Wärme deines Körpers. Langsam, ganz langsam, als möchtest du mir die Gelegenheit geben, mich anders zu entscheiden, senkst du deine Lippen auf meine. Dabei liegt dein Blick die ganze Zeit in meinem.

Deine Lippen sind noch genauso weich wie damals, doch dein Kuss ist fordernder, leidenschaftlicher. Deine Arme, die sich nun um mich schließen, halten mich fester.

Ich lege meine Hände um dein Gesicht, gebe mich diesem Mann, der so vertraut und doch so neu ist, vollkommen hin.

Du bist trainiert. Und erfahren, wie ich später feststelle. Deine jungenhafte Unschuld ist verschwunden. Ebenso meine Dummheit.

Dein Bild bewundere ich weiterhin, begleitet von einem sehnsuchtsvollen Seufzen. Ich träume von dem Tag am Hafen, während ich auf die Nachricht von dir warte …