(9) Simon

Zum Ausräumen von Tante Annemaries Haus ist unter anderem Simon angereist. Während er Kartons schleppt, sind seine Gedanken ganz woanders.

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Wenige Wochen später standen zwei riesige Container vor dem neuen Eigenheim, die sich innerhalb von Stunden füllten. Obwohl Elly und Hannes sich schnell einig geworden waren, einen Teil von Tante Annemaries Möbeln, Bildern und Leuchtern zu behalten sowie Dies und Das auf dem Flohmarkt zu verkaufen, gab es auch viel zu entsorgen.

Neben Julia und Michael war auch Simon zum Helfen angereist. Er hatte Moritz und Paul mitgebracht, die allerdings mit Stefan und Emily unterwegs waren. Als er gestern die Jungs bei Gina abgeholt hatte, war ihm schmerzlich bewusst geworden, dass auch er einst ein schönes Haus besessen hatte. Ein Haus und eine Frau mit langem schwarzem Haar und einem Temperament, in das er sich bei ihrer ersten Begegnung sofort verliebt hatte. Er vermisste sie. Seit ihrer Trennung hatte er sich auf keine Frau mehr eingelassen. Doch Gina ignorierte jeden seiner vorsichtigen Annährungsversuche. Sie sorgte lediglich dafür, dass er seine Söhne regelmäßig sah und sie wichtige Entscheidungen, die die Kinder betrafen, gemeinsam fällten.

„Simon?“

Steffi stand plötzlich auf dem Dachboden neben ihm. „Ja?“

„Elly mag beschäftigt sein und nichts bemerkt haben. Doch mir machst du nichts vor. Was ist los?“

„Es ist alles in Ordnung“, entgegnete er hastig und griff nach der Kiste zu seinen Füßen.

Steffi stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn unverwandt an. Er stellte die Kiste wieder ab.

„Ich denke in letzter Zeit oft an Gina. Sie fehlt mir. Ich habe versucht, wieder mehr Zeit mit ihr zu verbringen, doch sie weiß jede Form von Nähe zu verhindern.“

„Simon, du hast sie mit einer ihrer besten Freundinnen betrogen und sie angelogen. Ich weiß nicht, ob ich dich an ihrer Stelle je wieder in meiner Nähe haben wollte. Sei froh, dass ihr hinsichtlich Moritz und Paul so gut miteinander auskommt. Mehr kannst du kaum verlangen, denke ich.“

Simon griff erneut nach der Kiste. „Danke für deine Aufmunterung“, murmelte er sarkastisch. Steffis Weisheiten hatten ihm jetzt gerade noch gefehlt.

„Ich bin nur ehrlich, weil ich nicht will, dass du dir sinnlose Hoffnungen machst.“

Er ging, ohne sie anzusehen, an ihr vorüber.

„Simon, warte.“ Er blieb in der Tür des Dachbodens stehen. Warum, wusste er selbst nicht. Er wollte Steffis Ratschläge nicht hören. Sie hatte die Angewohnheit, den Finger direkt in die Wunde zu legen. „Es tut mir leid.“

„Schon gut.“ Er hatte keine Muße zu streiten und wollte Steffi nur noch entfliehen.

„Warte, bitte“, begann Steffi erneut. Er atmete genervt durch und spürte, dass die Kiste in seinen Händen langsam schwer wurde.

„Ich habe dir das nie gesagt, obwohl ich wusste, ich hätte es tun sollen. Du hättest sie haben können, Simon. Auch noch, als Florian bereits auf der Bildfläche erschienen war. Sie hat dich geliebt. Sie –“, Steffi unterbrach sich. „Aber du bist stattdessen etwas nachgerannt, was es nicht mehr gab. Und du tust es bis heute.“

Simons Atem beschleunigte sich. Was maßte Steffi sich an, über seine Entscheidungen zu urteilen! Wie lange dauerte ihre Beziehung zu Stefan jetzt? Zwei Jahre? Sie hatte keine Ahnung, was es hieß, verheiratet zu sein und eine Familie zu haben. Und sie wusste erst recht nicht, was es für ein Gefühl war, zu wissen, dass man diese wunderbare Familie zerstört hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, um jemanden kämpfen zu wollen! Es brodelte in ihm und doch biss er nur die Zähne aufeinander und sagte nichts.

„Simon, hast du mich verstanden?“, erklang es vorsichtig hinter ihm.

„Und ob.“ Simon justierte noch einmal die Kiste in seinen Händen neu und setzte seinen Weg nach unten fort.  

Auf der Treppe kam ihm Elly entgegen. Er beschleunigte seine Schritte und rannte an ihr vorbei.

Nachdem er den Karton in einen der Container geworfen hatte, nahm er sein Smartphone und wählte Ginas Nummer.