(6) Wieder in Paris

Elly besucht Hannes in Paris. Das Wiedersehen mit dem Ort, an dem sich ihr Leben veränderte, verläuft jedoch anders als geplant.

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In der folgenden Woche erhielt Elly die Zusage für die Stelle als PR-Managerin im Findling-Verlag.

„Was hältst du davon, mich in Paris zu besuchen, bevor dich das Arbeitsleben wieder hat?“, fragte Hannes am gleichen Abend.

„Das ist eine gute Idee“, entgegnete Elly. Der Gedanke, Paris wiederzusehen, beflügelte ihre gute Laune.

„Vielleicht schon nächste Woche? Die Semesterferien dauern noch an, sodass ich noch keine Vorlesungen halten und deswegen am Mittwoch zurück nach Hamburg muss. Du könntest bis Sonntag bleiben.“

Elly stellte ihr Sektglas beiseite und rutschte auf dem Sofa näher an Hannes heran. „Wunderbar. Ich bin Montagabend noch mit Steffi verabredet und komme dann Dienstag nach. Du bist Montag eh immer lange im Institut.“

Hannes legte seine Hand hinter ihren Kopf, um sie zu küssen und zog sie zu sich auf den Schoß. „Du machst mich sehr glücklich, weißt du das?“

Es war seltsam, wieder vor dem Haus mit dem kleinen Springbrunnen davor zu stehen. Elly blicke zu dem Schlafzimmerfenster im obersten Stockwerk. Es stand offen und der Wind hatte die blauen Vorhänge über den französischen Balkon geweht. Während sie überlegte, ob Hannes vergessen hatte, das Fenster heute Morgen zu schließen, sah sie nicht sein Gesicht vor sich, sondern das von Simon. Sie sah ihn dort oben stehen, das Laken um die Hüften geschlungen, und fühlte seine nackte Haut unter ihren Fingern.

Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu verdrängen. Es gelang ihr nur mäßig. Ihre Finger zitterten leicht, als sie den Schlüssel aus ihrer Hosentasche zog.

Die Luft im Treppenhaus war stickig und ihr traten die Schweißperlen auf die Stirn. Der Weg in die dritte Etage, über die mit grünem Teppich belegten steilen Stufen, mit dem Trolly in der Hand, erinnerte sie an Glasgow. Allerdings hatte sie diesmal nur ihr eigenes Gepäck zu tragen. Wie es Florian wohl ging?

Oben angekommen, schob sie ihren Koffer in die Wohnung, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen. Ihr Blick schweifte durch den Raum. Nichts hatte sich verändert.

Ihre Haut begann zu kribbeln. Sie sah Simon mit geöffnetem Hemd vor sich, fühlte ihr Kleid auf ihren Füßen liegen. Sie fühlte Simon, sich gegen sie drängend, spürte ihn in sich und seine Lippen auf ihren. Ihr Atem flatterte. Sie roch sein Aftershave. Sie sah sich mit ihm auf dem Sofa sitzen, die Beine miteinander verknotet und herzhaft lachen. Sie sah sie beide am Küchentisch sitzen und in ihren Kaffeetassen rühren, während sie nach vier Tagen Leidenschaft in ihr Leben zurückkehrten.

Elly schloss die Augen und legte die Hände vors Gesicht. Die Wucht, mit der die Erinnerungen auftauchten, erschreckte sie. Doch was hatte sie anderes erwartet? In dieser Wohnung hatte sich ihr Leben verändert. Sie atmete langsam aus und ein, bis sie halbwegs sicher war, die Schatten der Vergangenheit vertrieben zu haben. Vorerst.

Sie brachte ihren Koffer ins Schlafzimmer. Der Schaukelstuhl stand noch immer an seinem Platz. Das Bücherregal beherbergte nun allerdings andere Bücher, auf dem Schreibtisch stand Hannes Laptop und die Bettwäsche entstammte Ellys eigenem Schrank. Sie setzte sich auf das Bett, hörte die Federn unter sich quietschen und sah Simon sich aus den Laken befreien und ins Bad gehen.

Ihr Handy klingelte. „Elly, verdammt noch mal!“, schimpfte sie laut mit sich selbst. „Was ist los mit dir!“

Das Display zeigte Simon. Wenn man vom Teufel spricht – oder träumt.

„Hallo Deern, bist du gut angekommen? Ich wollte mal hören, ob du meine Wohnung wiedergefunden hast?“

„Ja, sicher“, stotterte sie. Simons Stimme an ihrem Ohr machte die Bilder vor ihrem inneren Auge noch lebendiger.

„Alles in Ordnung?“

Sie fluchte tonlos. Er hatte das Zittern ihrer Stimme bemerkt.

„Ja“, erwiderte sie leise. Sollte sie es ihm sagen? Was sprach dagegen? Er war ja schließlich dabei gewesen. „Die Wohnung weckt Erinnerungen.“

„Erinnerungen?“

Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss, obwohl Simon sie nicht sehen konnte. „Heftige Erinnerungen“, gestand sie kleinlaut. „An uns.“

Am anderen Ende blieb es still.

„Es ist eigenartig, dass Hannes jetzt hier wohnt und nicht du durch die Tür kommen wirst.“ Simon sagte immer noch nichts. „Es hat sich nichts verändert“, setzte sie deshalb hinzu. „Es sind noch dieselben quietschenden Federn.“

Simon lachte verhalten und räusperte sich anschließend. „Dann hoffe ich, dass ihr den Nachbarn viel Freude bereitet.“

Elly wollte ihm sagen, dass es noch immer das kauzige Pärchen wie damals war – sie hatte es am Klingelschild gelesen –, aber irgendwie war ihr nicht mehr nach Scherzen zumute. Sie fühlte Simons Wärme und seine Hände auf ihren Schultern, die zärtlich ihren Nacken massierten und dann ihren Rücken hinabstreichelten. Gänsehaut überzog ihren Körper.

„Deern?“

„Ja, ich bin noch da.“ Sie riss sich zusammen und sagte mit fester Stimme: „Wir werden sehen, was sich machen lässt.“

„Melde dich, wenn du zurück bist.“

Elly stand auf und trank ein Glas Wasser. Dann rief sie Hannes an, um sich abzulenken.

Als er am späten Nachmittag aus dem Institut kam, beherrschte Elly nur ein einziger Gedanke. Sie wollte neue Erinnerungen für diese Wohnung schaffen. Doch jedes Ächzen der Stahlfedern, das Glas Wein auf dem Nachttisch oder der Lichtschein der Straßenlaternen rief das Bild von Simon und ihr von damals hervor. Dieses eine Mal war das, was sie fühlte, nicht das, was sie Hannes zeigte.

Während sie anschließend im Bad ihre Wimperntusche auffrischte, zog Simon hinter ihr den Duschvorhang auf und lächelte sie im Spiegel an. Elly schloss die Augen und rieb ihre Stirn. Wieso machte ihr Gehirn das?

Sie fühlte sich miserabel und hatte Kopfschmerzen von all den Flashbacks. So hatte sie sich die Zeit mit Hannes in Paris nicht vorgestellt. Diesmal half auch kein Spaziergang über den Montmartre. Sie wollte nur noch in den Zug steigen und nach Hause. Tapfer hielt sie jedoch bis zum Wochenende durch.

„Verrätst du mir endlich, was dich quält? Ich sage das einer schönen Frau ungern, aber deine Augenringe werden von Tag zu Tag dunkler“, sagte Hannes am Sonntagmorgen.

Elly hatte gespürt, dass er etwas ahnte. Sie legte den Kopf in ihre Hände. Hannes hatte ihr hinsichtlich ihrer Vergangenheit unendlich viel Verständnis entgegengebracht, doch das konnte sie ihm nicht erzählen. „Ich schlafe kaum, weil ich mir Gedanken über den Job mache. Das ist eine ganze Nummer größer als in Stuttgart.“ Das Pochen in ihren Schläfen wurde hinsichtlich der Lüge noch stärker.

„Du wirst es gut machen. Die Aufgabe ist wie für dich gemacht.“

Elly zuckte mit den Schultern. „Abwarten.“

„Weißt du mittlerweile, wann du den Inhaber kennenlernst?“

Sie wollte nicht darüber reden, doch sie hatte das Thema angefangen. „Nein. Es ist wohl irgendwas mit seiner Frau, weshalb die Geschäftsführung vorerst bei der Dame bleibt, die mich eingestellt hat. Sie hat in den höchsten Tönen von ihm gesprochen. Ich kann nur hoffen, dass er wirklich so ist, wie sie ihn beschrieben hat.“

Hannes nahm ihr Hände und streichelte sie aufmunternd. Sein Blick sagte ihr, dass er mit ihrer Antwort nicht wirklich zufrieden war.

Als Elly am Abend im Zug nach Hamburg saß, klingelte ihr Smartphone. Hannes. Hatte sie etwas vergessen?

„Vermisst du mich?“

„Ja, sehr. Es war sehr schön, dass du bei mir warst. Aber irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass du das nicht so empfunden hast.“

Elly lehnte ihren Kopf an und schloss die Augen. Sie hatte gelogen und Hannes wusste es.

„Es tut mir leid. Ich wusste einfach nicht, wie ich dir das erklären sollte.“ Und sie wusste es jetzt auch nicht.

„Was?“

Sie dachte noch einen Moment nach, bevor sie antwortete. „Wieder in dieser Stadt zu sein, in dieser Wohnung zu sein, hat all die Erinnerungen an das zurückgebracht, was nach Paris passiert ist. Der ganze Schmerz kam wieder hoch und auch die Tatsache, dass du die ganze Zeit bedingungslos zu mir gehalten hast. Du hast dich um mich gekümmert, als ich am meisten jemanden brauchte. Die Zeit ohne Emily war grausam.“ Elly betete, dass ihre Worte Hannes beruhigen würden. Sie konnte ihm nicht sagen, dass sie während der gesamten Woche ständig an Simon gedacht hatte, ob sie es nun absichtlich oder unabsichtlich getan hatte. Er hätte nie geglaubt, dass sie von Erinnerungen von dem Sex mit Simon heimgesucht worden war und nicht mehr dahintersteckte. Sie hätte sich ja selbst nicht geglaubt, obwohl sie wusste, dass es wahr war.

„Das ist alles? Elly, warum hast du das nicht gesagt?“, entgegnete Hannes vorwurfsvoll.

Elly atmete erleichtert auf. Er glaubte ihr. Ihr schlechtes Gewissen regte sich trotzdem.

„Ich denke, ich wollte die Woche unbedingt mit dir genießen, sodass ich deine Laune durch nichts verderben wollte. Wahrscheinlich habe ich es dadurch noch schlimmer gemacht.“

„Okay, kein Schweigen mehr in Zukunft. Das nächste Mal wird es besser.“

Das nächste Mal. „Versprochen.“ Sie beendete das Gespräch und kramte in ihrer Handtasche nach einer Kopfschmerztablette.