(4) Neue Nachbarn

Elly mag ihre neuen Nachbarn. Wenn da nur nicht die Sache mit der Musik wäre …

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Elly fühlte sich in der neuen Wohnung wohl, besonders da sie einen Platz für ihr rotes Sofa fand, von dem aus sie einen wunderschönen Blick auf den Garten hinter dem Haus hatte. Hannes Sessel stand gleich daneben. In ihm saß sie und las, während Hannes in Paris war. Der einzige Nachteil an der Wohnung war das Pärchen über ihnen. Sie grüßten immer, gerne auch mal vom Balkon herunter, waren stets zu einem Plausch im Treppenhaus zu haben, hinterließ im Gegensatz zu anderen nie ein Chaos im gemeinsamen Trockenraum auf dem Dachboden und gingen der Vermieterin sogar bei der Gartenpflege zur Hand. Ihre Lieblingsmusikrichtung war jedoch Heavy Metal. Und sie hörten es nicht nur gerne, sondern auch verdammt laut. Elly hatte nichts dagegen, sich hin und wieder bei einem Song von Metallica gehen zu lassen – wenn sie allein war. Aber an lauschigen Sommerabenden auf dem Balkon mit einem Glas Wein und einem guten Buch wurde ihr das Gegröle von oben doch zu viel. Zum Glück reagierten James und Santiago zuverlässig auf ihr Klopfen mit dem Besenstiel und drehten die Musik auf Zimmerlautstärke. An solchen Tagen trauerte Elly ihrem einstigen Eigenheim in Stuttgart hinterher.

Emily hatte ihren Hauptwohnsitz weiterhin bei ihrem Vater. Einerseits hatte man Elly noch immer nicht das Sorgerecht zugesprochen, andererseits kannte ihre Tochter es seit mehr als anderthalb Jahren nicht anders. Elly wollte ihr ungern eine weitere Veränderung zumuten. Außerdem konnte Emily aufgrund der geringen Entfernung ihrer beiden Wohnungen pendeln, wann immer sie wollte. Mittwochs und donnerstags würde Elly ihre Tochter von der Schule abholen, da Stefan an diesen Tagen länger arbeiten musste. Freitags hatte sich Ellys Vater das Privileg erbeten, den Nachmittag mit seiner Enkelin verbringen zu dürfen.

„Es freut mich zwar vor allem für Emily, dass du nun in ihrer Nähe wohnst, aber ich bin auch erleichtert, dass der Spagat zwischen Hamburg und Stuttgart ein Ende hat. Ich muss zugeben, dass mir die logistische Herausforderung, die die Einschulung von Emily mit sich gebracht hätte, Angst gemacht hat.“

„Vergiss nicht die Kosten der Bahnfahrten. Ich habe sie als nicht unwesentlich auf meinem Bankkonto betrachtet.“

Stefan nickte. „Stimmt. Noch eine Tasse Kaffee?“

„Gerne.“ Elly beobachtete Stefan, wie er zu dem Vollautomaten auf seiner Küchenzeile ging und fragte sich, was sie an ihm einst so anziehend gefunden hatte, dass sie ihn nach nicht mal einem Jahr geheiratet hatte. Sie mochte es, hier mit ihm zu sitzen, zu plaudern und zu wissen, dass er für sie da war. Den Gedanken, mit ihm zu schlafen, mochte sie jedoch gar nicht mehr. Seltsam, wie aus Begehren Gleichgültigkeit werden konnte.

„Was ist?“, riss Stefan sie aus ihren Gedanken. Er stellte die Tassen vor sie beide auf den Tisch.

„Du hast recht behalten. Als befreundete Elternteile taugen wir wesentlich mehr als verheiratete.“ Stefan lächelte verlegen. „Seit wann trinkst du eigentlich Kaffee anstatt Tee?“

Er wurde ein wenig rot. „Seit Steffi hier des Öfteren übernachtet und sich beklagt hat, dass sie ohne eine Tasse Kaffee am Morgen nicht lebensfähig sei. Ich habe den Automaten gekauft und jetzt …“ Er hielt seine Tasse entschuldigend hoch.