(16) Nach dem Regen

Reden ist nicht immer Ellys und Simons Sache. Ein gute Film schon.

Als sie das Restaurant verließen, regnete es in Strömen. Sie erreichten Simons Wohnung durchnässt bis auf die Haut. Simon nahm ihre Jacken und hängte sie zum Trocknen vor die Heizung. Dann zog er sich sein Sweatshirt über den Kopf. Sie musste schlucken und bückte sich rot werdend zu ihrem Koffer hinab, um sich trockene Sachen zu suchen. Hannes war groß, schlank und begehrenswert, doch Simons trainierter Körper musste jeden Mann neidisch machen.

„Gehst du noch regelmäßig laufen?“, rief sie durch die Badezimmertür. Sie fragte sich, warum sie sich nicht direkt neben ihrem Koffer umzog. Simon kannte jeden nackten Zentimeter ihres Körpers. Es gab nichts, was sie verbergen musste. Bot es die gesellschaftliche Konvention, dass man seine Reize dem Mann, mit dem man nicht mehr zusammen war, nicht mehr zeigte? Oder war es ihre anständige Erziehung, die es als unangemessen empfand?

„Nicht regelmäßig, aber oft. Du?“

Sie knöpfte ihre zu eng sitzende Jeans zu. „Nein. Aber wir gehen zweimal pro Monat tanzen.“ Wenn wir mal beide Zeit haben, setzte sie in Gedanken hinzu. „Ein neuer Vertrag fürs Fitnessstudio liegt schon zu Hause. Ich muss eigentlich nur noch unterschreiben.“ Darüber, wann sie dafür noch zusätzlich Zeit finden sollte, wollte sie lieber nicht nachdenken.

„Darf ich dich noch etwas fragen?“

Sie trat aus dem Badezimmer. Simon hatte sich in der Zwischenzeit auch fertig umgezogen. „Klar.“

„Was weiß Hannes von dem, was du mir erzählt hast?“

Sie ließ sich auf das Sofa fallen. Ihr schlechtes Gewissen lag schwergewichtig in ihrem Magen. „Er sieht nicht, was ich bei Emily sehe, was alle sehen. Er glaubt, ich interpretiere zu viel hinein.“ Sie hatte immer geglaubt, Hannes und ihre Tochter hätten eine besondere Beziehung zueinander. Nun fragte sie sich, ob sie sich diese Besonderheit nur eingeredet hatte. Hannes hatte Emily immer gemocht und gewusst, wie er mit ihr umgehen musste. Auch ohne selbst Vater zu sein wie Florian. Warum erkannte er nun ihre Verhaltensänderung nicht?

Simon setzte sich neben sie. „Und die andere Sache?“

„Tja, die andere Sache.“ Mehr sagte sie nicht. Sie sah Simon stattdessen mit dem Blick an: Was glaubst du, was er davon weiß?

Simon sagte nichts dazu, sondern nahm nur ihre Hand. „Was hältst du von einem guten Film zum Abschluss des Tages?“

Sakrileg?“, fragte sie mit einem verschmitzten Grinsen.

„Ich habe von einem guten Film gesprochen, Deern.“

Sie kicherte und drückte ihm dankbar einen Kuss auf die Hand, bevor er die riesige Sammlung auf seiner Festplatte öffnete. Simon hatte keine Ahnung, welche Serien zurzeit im TV liefen oder, so mutmaßte sie zumindest, welche Sender es überhaupt gab. Er las am Abend lieber ein Buch, in dem es um Geschichte oder klassische Musik ging. Aber auf seinem Computer fand sich wahrscheinlich jeder Blockbuster, der je gedreht worden war.

Wenn sie bei Simon war, war die Welt immer ein bisschen freundlicher, dachte sie vor dem Einschlafen. […]

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