(1) Hannes

Die Geschichte beginnt, wo „Paris bleibt in Paris“ endet. Es ist der Morgen nach dem Ball im Jachtklub. Bereuen Elly und Hannes, was in der Nacht zuvor geschehen ist?

Die Sonnenstrahlen kitzelten sie beide am nächsten Morgen wach. Elly räkelte sich und stützte sich anschließend auf einen Arm.

„Darf ich deinem Lächeln entnehmen, dass es dir nicht leid tut, hier mit mir aufgewacht zu sein?“, fragte Hannes und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf.

„Ja, das darfst du“, entgegnete Elly. „Allerdings weiß ich immer noch nicht so ganz, ob der Hannes, den ich seit Jahren kenne und der, mit dem ich letzte Nacht geschlafen habe, ein und derselbe sind.“ Sie betrachtete ihr Haarband, welches noch um ihr linkes Handgelenk geschlungen war.

„Ich könnte dir den Beweis noch einmal bei Tageslicht erbringen“, grinste Hannes verschwörerisch und drehte das Band zwischen seinen Fingern.

Elly rutschte ein Stück nach oben und gab Hannes einen langen Kuss. Mein Gott, diese Lippen machen süchtig, dachte er.

„Ehrlich gesagt, ich würde jetzt gerne zu Emily.“

„Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Meine Mutter wird sie bis zum Umfallen verwöhnen.“

„Ja, ich weiß“, sagte Elly leise. „Ich habe mich einfach daran gewöhnt, jede Minute, die Emily bei mir ist, auszukosten. Es tut mir leid.“

Hannes strich ihr durch ihre verstrubbelten Locken. „Hör auf, dich schon wieder bei mir zu entschuldigen.“ Er küsste sie. „Du hast Emily demnächst immer in deiner Nähe. Wenn ich mich richtig erinnere, wolltest du doch bei mir einziehen, oder?“

Sie lächelt wieder. „Ich muss. Meine Wohnung ist gekündigt und zahlen kann ich sie auch nicht mehr.“

Hannes blickte in Ellys braungrüne Augen und konnte die glückliche Wendung, die sein Leben gestern Abend überraschend genommen hatte, noch nicht wirklich begreifen. Die Frau, die er im Grund seines Herzen geliebt hatte, seit sie sich in der Geisterbahn auf dem Cannstatter Wasen in seinen Armen verkrochen hatte, lag jetzt hier neben ihm.

Ihm hatte vor dem diesjährigen Sommerball des Jachtklubs gegraut. Er hatte gar nicht hingehen wollen. Doch Sofie hatte ihm wochenlang in den Ohren gelegen, sie zu begleiten, und sein Vater hatte auf Hannes Anwesenheit als Vertreter der Familie, wie er sich ausdrückte, bestanden, da er selbst mit Oberschenkelhalsbruch ans Krankenbett gefesselt war. Mehrmals hatte Hannes von all den mitleidigen Blicken und den Fragen nach der abgesagten Hochzeit, die ihn erwarteten, geträumt. Bekannte hatten ihm anvertraut, dass seine Beziehungstragödie Hauptthema des sommerlichen Klatschs und Tratschs des Klubs gewesen sei.

Seine Albträume waren wahr geworden. Man hatte ihm aufmunternd auf die Schulter geklopft und mitfühlend mit dem Kopf geschüttelt, Bedauern ausgedrückt und die Zuversicht geäußert, er würde sicher bald der Richtigen begegnen. Etwas, das er am allerwenigsten hatte hören wollen.

Allerdings hatte das plötzliche Auftauchen zweier fremder Frauen für ein Ende der Fragen gesorgt. Sein Tanz mit der erwachsenen der beiden Frauen sowie das Verlassen des Festes mit ihr, Hand in Hand, hatten sicherlich für neue Spekulationen gesorgt.

 „Kaffee?“

„Gerne.“

„Dann ziehen Sie sich etwas über Frau Fischer. Das Frühstück wird an Deck serviert.“ Hannes erhob sich und zog sich seine Hose von gestern über. Dabei beobachtete er Elly, die in ihre Unterwäsche schlüpfte und für einen Moment ratlos vor ihrem roten Ballkleid stand. Kurz entschlossen griff Hannes nach seinem Hemd und warf es ihr zu. Es reichte ihr bis zu den Knien. Hannes schmunzelte. Sie sah süß aus, besonders in Kombination mit dem Blick, den sie in den Spiegel warf, und bei dem sie die Augenbrauen in die Höhe zog. Ihre Locken standen in alle Richtungen und ihr Make-up befand sich auch nur noch in Ansätzen da, wo sie es am Abend zuvor aufgetragen hatte. Sie beseitigte die gröbsten Spuren, kramte einen Haargummi aus ihrer Handtasche und band damit ihre Locken zu einem provisorischen Knoten. Das Band an ihrem Handgelenk schien sie nicht abnehmen zu wollen.

Hannes schickte sie an Deck und kochte Kaffee. Als er mit ihren zwei Tassen nach oben kam, entdeckte er eine Tüte an der Reling hängend. Frische Croissants.

Elly schaute ihn fragend an.

„Ich vermute, dass wir heute Morgen schon Besuch von meiner äußerst neugierigen Schwester hatten.“

„Woher wusste sie, dass wir hier sind?“

„Vielleicht war sie mit Emily im Hotel und hat uns nicht angetroffen“, vermutete Hannes.

„Oder sie kennt ihren großen Bruder und weiß, dass er eine Frau gerne mit der Jacht seiner Eltern beeindruckt“, neckte Elly.

Hannes wurde rot. „Unter Umständen könnte es möglich sein, dass du vielleicht nicht die erste Frau bist, die ich mit hierhergenommen habe. Aber wenn es nach mir geht, bist du die letzte.“

Hannes nahm einen Schluck von seinem Kaffee. „Darf ich dich etwas fragen?“

„Sicher.“

„Versteh mich nicht falsch. Ich bin gerade der glücklichste Mann auf der Welt. Aber du hast, ich nenne es jetzt mal so, unser Lied gehört und alles auf eine Karte gesetzt. Das heißt, du hast deinen Job auch fristlos gekündigt?“

„Ja. Sofie hat mir gesagt, dass du aus Stuttgart weggehen wirst. Allerdings nicht, dass du nach Hamburg ziehst. Für mich stand fest, ich will dich und ein Leben mit dir. Und dazu musste ich einen Schlussstrich unter dem Gewesenen ziehen. Du bist der Mann ohne Begleiterscheinungen.“ Hannes schmunzelte. Er hatte ihr einst vorgeworfen, sich immer Männer mit Nebenwirkungen zu suchen. „Also habe ich am Montag gekündigt.“

Hannes runzelte die Stirn. „Was hat Florian dazu gesagt?“

Elly wirkte plötzlich sehr verletzlich. „Florian hat mir gesagt, dass er mich liebt.“ Sie sah ihn nicht an.

„Was hast du ihm geantwortet?“, hakte Hannes vorsichtig nach. Er war sich sicher gewesen, dass die beiden wieder zueinanderfinden würden.

„Ich habe ihm gesagt, dass Freitag mein letzter Tag sein würde und er es mir schuldig sei, es möglich zu machen. Und ich habe ihm gesagt, dass seine Einsicht zu spät kommt. Dann bin ich gegangen und habe ihn die ganze Woche nicht mehr gesehen.“ Sie wischte eine Träne weg und blickte Hannes schuldbewusst an. „Tut mir leid.“

Hannes rutschte näher an sie heran und nahm ihr Gesicht in seine Hände. „Hör endlich auf, dich ständig bei mir für deine Gefühle zu entschuldigen, Elly! Ich kann nicht behaupten, dass es mich nicht stört, wenn du noch etwas für Florian empfindest.“ Und wie es ihn stören würde. „Aber ihr ward schließlich einige Monate zusammen, habt zusammen gearbeitet und euch verbindet eine Vergangenheit. Für mich zählt, dass du jetzt hier bist und quasi dein Leben für mich aufgegeben hast.“

Elly kroch auf Hannes Schoß, fuhr ihm durch seine zerzausten Haare und küsste ihn. „Wie war das doch gleich mit dem Beweis bei Tageslicht?“ Dabei wanderte ihre Hand über seinen nackten Oberkörper. Er zog scharf die Luft ein und raunte ihr ins Ohr: „Böses Mädchen.“

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